Regionale Milch – frisch und cool aus Milchtankstellen

Die Milchtankstelle "Zur Milchkanne" in Reichwalde
Die Milchtankstelle „Zur Milchkanne“ in Reichwalde – inzwischen leider geschlossen, aufgrund des internationalen Milchpreises…

Förderung von Regionalität?
Wenn sich Tradition nicht mehr lohnt

Nach 30 Jahren ist Schluss für die regionale Milch aus Reichwalde. Nicht, weil Familie Lühmann es so möchte, sondern weil Familie Lühmann es so muss. Bei 28 Cent pro Liter zogen sie die wirtschaftliche Reißleine und verkauften ihre gesamte Milchkuhherde. Mehr wollte die Molkerei nicht mehr zahlen für ein Produkt aus regionaler, biologischer und achtender Arbeit mit Tieren, die ebenso ein Teil des Spreewaldes sind wie diejenigen, denen aufgrund des Artenschutzes diejenige Wertschätzung entgegengebracht wird, die jedem Tier zustehen sollte.

Das ganze System krankt.“

Frank Neczkiewicz, Geschäftsführer der Landwirtschafts-GmbH Finsterwalde

Frank Neczkiewicz, Geschäftsführer der Landwirtschafts-GmbH Finsterwalde, zeigt sich besorgt. Seiner Ansicht nach trägt der Lebensmitteleinzelhandel nicht nur eine Mitschuld an der Situation brandenburgischer wie deutscher Landwirt:innen. Durch die Konzentration an Marktmacht könnte es sich dieser erlauben, in Preisverhandlungen die Richtung zu diktieren. Die Situation für Milchproduzent:innen würde sich zudem dadurch zunehmend verschlechtern, dass trotz eines fallenden Preisniveaus steigende Tierwohlstandards durch Verbraucher:innen gefordert werden würden. Sogar Preisabschläge von bis zu 50 Prozent stünden in Verhandlungen zwischen dem Lebensmitteleinzelhandel und Molkereien im Raum – eine apokalyptische Vorstellung für landwirtschaftliche Betriebe.

Der Handel weiß, dass zur Zeit die Molkereilager voll sind und nutzt das zu seinem Vorteil.“

Carmen Lorenz, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Südbrandenburg

Auch Carmen Lorenz, Geschäftsführerin des Bauernverbandes Südbrandenburg, zeigt sich erschüttert. Aufgrund von Corona sei das Exportgeschäft von Molkereien beinahe vollständig eingebrochen, was in einem Überangebot an Milch zu Ungunsten der Höfe resultiert habe. Der Lebensmitteleinzelhandel nutze dies als Argument für seine aktuell besonders aggressive Preispolitik und schlage aus der Misere auch noch Profit.

Gezielt regional wählen
und Direktvermarktung nutzen

Regiomat und Milkomat sind zwei Vermarktungswege zur Förderung der Regionalität, die auch in Corona-Zeiten fast rund um die Uhr funktionieren – wenn der Preis für Verbraucher:innen und vor allem für Erzeuger:innen stimmt!

Dr. Martin Schulze von der LWB Ressen-Lindchen GmbH zeigt sich ob eines weiteren Absinkens des Milchpreises besorgt. Landwirt:innen seien in der Produktionskette das letzte und schwächste Glied. Der Preisdruck werde von oben nach unten durchgereicht – und traf so auch bereits das Angebot regionaler Milch in Reichwalde. Vor dem Hintergrund der Coronakrise und den Einschränkungen im privaten wie industriellen Grenzverkehr sollten Verbraucher:innen weiter sensibilisiert werden, sich gezielt für regionale Artikel zu entscheiden, um der Industrie das kontinuierliche Preisdumping durch ausweichende Nutzung europäischer und internationaler Milchquellen zu erschweren.

Aushang der Familie Lühmann, zum Grund der aktuellen Schließung ihrer Milchtankstelle.

Chancen und Risiken von Milchtankstellen

Die regionale Milchproduktion in Brandenburg und ganz Deutschland steht vor einem Dilemma. Es findet zwar ein gesellschaftliches Umdenken statt: Verbraucher:innen wünschen sich zunehmend Milch und Milchprodukte aus ökologischer Herstellung. Aufgrund mangelnder Auseinandersetzung mit der Thematik, fehlenden Strukturen oder der bequemen Bevormundung durch den Lebensmitteleinzelhandel bei der möglichst günstigen Preisgestaltung bleibt es dabei allerdings noch oft bei Lippenbekenntnissen. Neben der direkten und unverbindlichen Kontaktaufnahme mit regionalen Milchproduzent:innen stellen Milchtankstellen eine direkte Möglichkeit zur Unterstützung regionaler Landwirtschaft dar. Auch Familie Lühmann bestückte regelmäßig einen solchen Automaten, den sie erst 2017 für 35.000 Euro aufstellten.
Tipp: Auf unserer Karte regionaler Anbieter sind einige noch verbliebene Milchtankstellen zu finden!

Es liegt an uns allen – mehr Wertschätzung für Regionales!

Die Bereitschaft von Landwirt:innen, sich auf das dezentralisierte Zugänglichmachen ihres Warenangebots für die Allgemeinheit einzulassen, kann allerdings immer nur durch das Entgegenkommen der Verbraucher:innen erfolgreich sein. Das Preisdumping von Lebensmitteln steht im Konflikt zur Wertschätzung, die „Mitteln zum Leben“ entgegengebracht werden sollte. Neben dem längerfristigen demokratischen Einsatz für eine Verbesserung der wirtschaftlichen Situation von Landwirt:innen und der Lebenssituation von Nutztieren ist es Aufgabe von uns Verbraucher:innen regionale, biologische, ehrliche und achtende Arbeit mit Tieren weiter zu schätzen und direkt zu unterstützen, damit Schicksale wie das von Familie Lühmann und ihren 30 Milchkühen vermieden werden können.

Tipp zum Kauf regionaler Milch

Falls Sie im Anschluss an diesen Artikel Interesse an der Nutzung regionaler Milchtankstellen gewonnen haben, können Sie sich hier auf der Seite des Landes Brandenburg eine Übersicht aktueller Anbieter:innen verschaffen.


Artikel von Stefan Kelnberger


Quellen

Mögen sie diesen artikel?

Share on facebook
Auf Facebook teilen
Share on twitter
Auf Twitter teilen
Share on email
Via E-Mail teilen

Weitere Themen

  • Alle
  • Bio
  • Brandenburg
  • Ernährung
  • Ernährungsstrategie
  • Kita
  • Kräuter
  • Milchtankstelle
  • Politik
  • Projekte
  • regional
  • Regionalentwicklung
  • Spreewald
  • Verpflegung

Nichts mehr verpassen!
Abonnieren Sie unseren Newsletter!